Verschwörung der Narren. Eine wahre Geschichte
Anne Emmert, Thomas Pfeiffer
Auf die altmodische Art Gewinne zu machen, war Enron nicht genug. Weil man mit den alt hergebrachten Buchhaltungspraktiken die Gewinnerwartungen der Wall Street verfehlt hätte, entwickelte die Finanzabteilung des US-Energiehändlers neue, „kreative“ Methoden, die es erlaubten, schnell wachsende Gewinne auszuweisen. Enron mauserte sich zum Shootingstar am Börsenhimmel, stieg in die Top-Ten der amerikanischen Konzerne auf und wurde zum gefeierten Vorzeigeunternehmen in einer Phase des wirtschaftlichen „anything goes“. Und der Erfolg heiligte die Mittel. Solide Geschäftspraktiken behinderten nur den Aufstieg – und wurden fallen gelassen.
Wie ein Krebsgeschwür breitete sich eine Praxis von Manipulation und Betrug im Konzern aus. Buchhaltungstricks und Bilanzmanipulationen wurden zum Alltagsgeschäft. Die Kreativen aus der Finanzabteilung gründeten Scheinfirmen, tarnten Darlehen als Geschäfte und bogen mittels abenteuerlicher Finanzoperationen Verluste in Gewinne um - bis das Kartenhaus des Finanzsystems zusammenbrach und das Unternehmen über einer Milliarde Dollar nicht ausgewiesener Verluste bankrott ging. Enron wurde zum Skandal der Skandale, zum Synonym für Machtgier und persönliche Bereicherung. Und zu einem Kriminalfall, der bis heute die Gerichte beschäftigt.
Termingerecht zum Prozess gegen die beiden Spitzenmanager Ken Lay und Jeffrey Skilling rollt Kurt Eichenwald, langjähriger Spitzenjournalist der New York Times, den Fall Enron in einer minutiösen Reportage auf. Mehr als 800 Seiten stark, ist das Buch ein Meisterstück akribischer Recherche und zugleich so elegant geschrieben, dass die journalistische Sisyphosarbeit nicht zur erzählerischen Hypothek wird. Im Gegenteil: Das Buch ist packend wie ein Krimi, lässt den Leser nicht mehr los. Eichenwald beschreibt ebenso eindringlich wie präzise, wie eine fatale Kombination von Blindheit, Arroganz und Gier einen ganzen Konzern in den Strudel krimineller Machenschaften reißt. Dass die führenden Protagonisten dies auch heute noch nicht wahrhaben wollen, ist die beste Bestätigung für den Titel, der nur vor der Lektüre des Buches reißerisch wirkt. — Winfried Kretschmer
3570009106
|
Die Diktatur des Profits
Viviane Forrester, Tobias Scheffel
Ihre Worte haben schon mindestens ein Menschenleben gerettet, erzählt die Autorin gerne. Ein Langzeitarbeitsloser wollte sich umbringen, doch dann griff er zu Der Terror der Ökonomie, dem ersten Verkaufsschlager von Viviane Forrester. Der Selbstmordkandidat musste das Buch gar nicht zu Ende lesen, denn von allen Buchseiten strömt sie wortgewaltig, die erlösende Botschaft: "Du bist nicht Schuld an deiner Arbeitslosigkeit. Es ist schuld."
Diese Botschaft wiederholt sich auch im Folgewerk. Die 78-Jährige kleidet zudem die Angst in Worte, dass herkömmliche Arbeitsplätze für immer verschwinden. Aber noch mehr: Es versklavt uns und zerstört unsere Gesellschaft, es ist der Anfang vom Völkermord, es ist noch vieles mehr — und, vor allem: Es ist an allem Schuld.
Dieses Es war im ersten Buch die Globalisierung. Die Autorin wurde eine Heroine der Arbeitslosen (zumindest in ihrem Heimatland Frankreich), aber bekam auch Kritik von links. Schließlich scheint die Globalisierung unvermeidbar — somit resistent gegen Revolutionen. Kann man also nicht dagegen kämpfen? Forrester verschweigt die Antwort, sie ist schließlich keine Revoluzzerin oder Ökonomin, sondern Schriftstellerin. In ihrem jüngsten Werk — aus Terror wurde Diktatur, "Es" hat also die Herrschaft übernommen — windet sie sich aber elegant aus diesem Problem. Überdeutlich differenziert sie: Das Böse ist der "Ultraliberalismus", der lediglich die Globalisierung benutzt. Wer oder was genau dahinter steckt, bleibt diffus, damit die Verschwörungstheorie funktioniert; mit Namen oder Fakten hält sich die Autorin auch nicht lange auf. Sie geht erneut ihren Erfolgsweg, ein flaues Gefühl in Worte zu fassen und einen gigantischen, globalen Sündenbock aufzubauen. Wieder ist es ihr gelungen, eine Angst der westlichen Gesellschaft zu dokumentieren — und in Worte zu fassen, die bewegen. —Frank Rosenbauer
3446199985
Das falsche Versprechen der New Economy
Thomas Frank
War es Glück oder hatte Campus den richtigen Riecher? Nach dem Börsencrash der New-Eonomy-Werte und exakt zu jenem Zeitpunkt, da allerorten diskutiert wird, ob aus den Antiglobalisierungsprotesten eine neue breite soziale Bewegung entstehen könnte, hat der Verlag den passenden Titel in seinem Herbstprogramm: Thomas Franks Das falsche Versprechen der New Economy, ein Buch Wider die neoliberale Schönfärberei, so der Untertitel. Und das ist nicht zu viel versprochen: Frank, Herausgeber des kulturkritischen Magazins The Baffler bezieht eine radikale Gegenposition zur New Economy, die er als keineswegs neu begreift, sondern als Wiedergeburt des alten neoliberalen Schreckgespenstes entlarven will. Mehr noch: Für die Demokratie sieht er Gefahr im Verzug.
Das Buch ist polemisch, wütend — und gut geschrieben. Allerdings birgt Franks Methode, sich in erster Linie auf die Publikationen seiner Gegner zu stützen, die Gefahr der Wiederholung. Und erzeugt den größten Vorbehalt: Es ist in erster Linie die amerikanische Diskussion, auf die sich der Autor bezieht, und es ist die amerikanische Spielart der New Economy, gegen die er Sturm läuft. Die Übersetzungsleistung auf deutsche und europäische Verhältnisse muss der Leser selbst erbringen. Darin liegt zugleich die Gefahr, dass wichtige Differenzierungen verloren gehen. Denn die New-Economy-Debatte hierzulande speist sich aus der Tradition des europäischen Freiheitsbegriffs. Und der weist einen sozialen Bezug auf, der dem amerikanischen abgeht.
Frank wären derlei Differenzierungen ohnehin egal. Er ist der klassische Linke, sozialstaatsorientiert- und gewerkschaftsfreundlich, der sich unversehens in der Position des Konservativen wiederfindet, und die Welt nicht mehr versteht. Ihm erscheint die New Economy nicht als Resultat einer technologischen Revolution, sondern als das einer breit angelegten Kampagne der neoliberalen Rechten. Der sei es gelungen, an Stelle der demokratisch geregelten Wohlstandsgesellschaft einen neuen Konsens zu installieren: den "Marktpopulismus". Und dem zufolge falle Demokratie und Markt zusammen. Ideologisches Kernstück sei die Überzeugung, "dass der Markt die beste und wichtigste und beneidenswerteste Form menschlicher Organisation sei".
Diese Debatte des vergangenen Jahrzehnts zeichnet der Autor auf breiter Ebene nach. So verschwörungstheoretisch seine These anmutet, so bedenkenswert ist seine Warnung, dass der Markt die Demokratie in den Hintergrund drängt. Das ist auch der Hintergrund der immer schärferen Antiglobalisierungsproteste, denen sich Frank verbunden fühlt: "Auf den Straßen von Seattle", schreibt er Bezug nehmend auf den ersten großen Zusammenprall, "zeigte eine zufällige Koalition der erstaunten Welt, welche Kraft der Demokratie wirklich innewohnt." Fazit: Wer verstehen will, was die Protestierer von Seattle, Göteborg und Genua (oder zumindest einen Teil von ihnen) auf die Straße treibt, der sollte dieses Buch lesen. —Winfried Kretschmer
3593368102
|